Quelle
Der BartoKanal: "Wieder GWUP: Wie man den Wokies das Feld überlasst", Youtube-Video ab ca. 34:00
Too long ; didn't read
Fabian Deister bezeichnet sich als Evolutionsbiologe, was nicht bezweifelt werden soll. Daher überrascht seine kontrafaktische Argumentation:
- Dass jemand in der GWUP behaupte, die Biologie könne etwas über die "gesellschaftliche Stellung von Mann und Frau oder einem dazwischen" sagen, ist ein klassischer Strohmann. Das behauptet nämlich niemand.
- Das es einen wissenschaftlichen Konsenses in der Biologie über mehr als zwei Geschlechter bei der anisogametsichen Fortpflanzung gebe, trifft nicht zu. Es gibt diesen Konsens nicht.[1]
Rekonstruktion
Frage von Sebastian Bartoschek
Das Infragestellen naturwissenschaftlicher Erkenntnissen, weil diese sozialwissenschaftlich oder gesellschaftspolitisch nicht genehm erschienen, sei durchaus ein Thema für die GWUP. Sei dies gar falsch und, wenn ja, wie ließe sich das konkret erläutern?
Antwort von Fabian Deister
Fabian Deister habe versucht, auf der Basis seiner "erlernten Expertise" "Leuten Biologie beizubringen" und sei dafür kritisiert worden.
Es sei beispielsweise falsch davon auszugehen, dass es biologisch gesehen nur zwei Geschlechter gebe.
- Die Biologie könne nichts über die "gesellschaftliche Stellung von Mann und Frau oder einem dazwischen" aussagen.
- Die These der zwei Geschlechter sei auch in der Biologie falsch. Dies würde auch dem Stand der biologischen Forschung entsprechen. Leute, die Wissenschaft und Biologie verstanden hätten, wüssten dies auch.
Daher sei es kein Thema für die GWUP, wenn jemand behaupte, dass es mehr als zwei biologische Geschlechter gebe.
Kommentar
- Das erste Argument ist ein klassischer Stohmann.[2] Das wird in der Biologie nämlich nicht behauptet.[3][4][5][6] Die Biologie macht Aussagen über die Reproduktionssysteme komplexer Organismen, bei denen sich über Evolutionsdruck die anisogametische Fortpflanzung entwickelte. Es sind nur 2 Typen dieser Reproduktionssysteme bekannt, die biologische Geschlechter (englisch "sex") genannt werden. Davon zu unterscheiden sind Kategorien wie Rolle, Handlungspräferenz oder Selbstwahrnehmung, die mit dem Geschlecht assoziiert sind und zusätzlich auch starken gesellschaftichen Einflüssen unterliegen (englisch "gender"). Da der naturalistische Schluss vom Sein aufs Sollen ein klassischer Fehlschluss[7] ist, kann die Biologie prinzipiell nichts über Normen aussagen.
- Fabian Deister erweckt zweitens den Eindruck eines wissenschaftlichen Konsenses über mehr als zwei Geschlechter bei der anisogametischen Fortpflanzung. Das trifft aber überhaupt nicht zu.[8] Es beleibt ein Rätsel, wie Fabian Deister zu dieser Einschätzung kommt. Da im Redebeitrag jegliche inhaltlichen Sachverhalte fehlen, handelt es sich dabei lediglich um ein reines Autoritätsargument[9].
Wörtliches Transkript
Sebastian Bartoschek:
Ich kann dir was anbieten. Also ich hab 2 Arbeitsdefinitionsaspekte für Wokeness, die die in unterschiedliche Richtung gehen.
- Die eine Richtung ist zu sagen, Wokeness ist eine Haltung, die aufgrund gesellschaftswissenschaftlicher oder gesellschaftspolitischer Einstellungen naturwissenschaftliche Erkenntnisse infrage stellen, weil sie nicht genehm erscheinen. Das ist der erste Aspekt, und
- der zweite Aspekt wäre: Bei Wokeness wird die Gruppenidentität höher gestellt als die Individualität des einzelnen. Leute werden Gruppen zugeordnet, und es werden Gruppen definiert, die angeblich diskriminiert oder tatsächlich angeblich oder tatsächlich diskriminiert werden, und der Einzelne hat sich dieser Einordnung unterzuordnen.
Das wären so die beiden Arbeitsdefinitionen von mir. Erstere würde ich ganz klar als GWUP-Beritte sehen, die Auseindersetzung damit. Zweiteres nicht. So, jetzt könnt ihr mir gern, was an diesen Arbeitsdefinitionen falsch ist oder richtig.
[Fabian Deister hält eine unspezifische Vorrede.]
[Darauf Sebastian Bartoschek:] Zu kompliziert. Mach's mal konkret.
Fabian Deister:
- Ja, das Problem ist halt, dass [ich] mich eine kurze Zeit für ein paar Tage mal in das Schussfeld von bestimmten Leuten - mich selber gebracht habe, indem ich versucht habe, Leuten Biologie beizubringen. Aus meiner - ja - erlernten Expertise und aus dem, wie ich auch Wissenschaft und nicht nur ich, sondern auch andere Leute, Wissenschaft und Biologie verstanden haben, dass sie versuchen, gegen etwas anzuarbeiten, was aber kein Problem für die Wissenschaft ist.
- Es wurde nämlich, wie immer noch in den Raum gestellt, es gäbe biologisch gesehen nur 2 Geschlechter, und das könnte man so als Postulat einfach nehmen und könnte sagen, das erklärt, warum es auch nur Mann und Frau gibt. Es ist auf allen Ebenen falsch.
- Erst mal kann man eben, selbst wenn das so wäre, in der Biologie nicht einfach das auf die gesellschaftliche Stellung von Mann und Frau oder einem dazwischen stellen.
- Und zweitens stimmt es auch in der Biologie einfach nicht. Es ist einfach grundsätzlich so, dass die Leute vermutet haben, da hätte jemand versucht, die Biologie, wie sie sie kannten und wie sie sie in der Schule gelernt haben - Wortlaut von jemandem, der mir das vorgeworfen hat, dass ich ja das [...] Schulwissen quasi widerlegen würde und ich dem einfach erklären musste. Nein.
- Ich stelle hier dar, wie das in der Forschung ist, und da musst du leider akzeptieren, dass das keine herangezogene ideologische Einstellung ist, dass ich diese Meinung habe oder bzw. auch diese Tatsachen und Ergebnisse vertrete, sondern das ist in dem Fall Wissenschaft.
- Und da haben Leute, die sich eigentlich der Verteidigung von Wissenschaft auch ein bisschen verschworen haben, als Mitglieder der GWUP genau das Gegenteil gemacht und quasi gesagt, dass ihre Vorstellung damit nicht übereinstimmt, was ich sage, als Wissenschaftler, was aus der Wissenschaft kommt.
- Und das war so ein Punkt, wo es halt einfach kein Thema für die GWUP ist und dass jemand gesagt hat, der das beurteilen kann, ob das eben Gefahr läuft, parawissenschaftlich zu werden. Wenn jemand sagt, dass es mehr als 2 Geschlechter gibt in der Biologie.
Verweise
- ↑ Aus "Pro Realität - ein Manifest deutschsprachiger Wissenschaftler (Biowissenschaften, Medizin)", prorealitaet.wordpress.com, archiviert am 22.4.2024 bei archive.org mit über 200 Unterschriften: "Der funktionale Begriff 'Geschlecht' ist in der naturwissenschaftlichen Community unstrittig: Biologisch gibt es bei allen Arten, die sich über das Verschmelzen ungleich großer Keimzellen vermehren (Anisogamie), nur zwei Arten von Keimzellen – und daraus abgeleitet zwei Geschlechter, die als männlich und weiblich bezeichnet werden. Dieses System ist vor geschätzt 1500 Millionen Jahren entstanden und findet sich bei Pflanzen und Tieren; der Mensch stellt hier keine Ausnahme dar."
- ↑ Strohmann-Argument, Wikipedia
- ↑ Jerry A. Coyne and Luana S. Maroja: "The Ideological Subversion of Biology", Skeptical Inquirer, Volume 47, No. 4, July/August 2023, S.34-47, skepticalinquirer.org, archive.org.
- ↑ Elisabeth Oberzaucher: "Sex und Gender zwischen Biologie und Gesellschaft", Skeptics in the Pub Wien
- ↑ W. Goymann et al.: "Biological sex is binary, even though there is a rainbow of sex roles", BioEssays, Volume 45, Issue 2, wiley.com.
- ↑ Aus "Pro Realität - ein Manifest deutschsprachiger Wissenschaftler (Biowissenschaften, Medizin)", prorealitaet.wordpress.com, archiviert am 22.4.2024 bei archive.org mit über 200 Unterschriften: "So wie es unwissenschaftlich ist, soziologische und kulturelle Unterschiede zwischen Männern und Frauen als naturgegebene Konsequenz des biologischen Geschlechts zu begründen, ist es unwissenschaftlich, phänotypische Variationen, individuelle Präferenzen in Kleidung, Auftreten und Verhalten zu weiteren Geschlechtern umzudeuten: Ersteres ist klassischer Biologismus, letzteres geht über Sozialkonstruktivismus hinaus und negiert biologische Grundlagen. Die Wissenschaft unterscheidet aus guten Gründen „Sex“, das biologische Geschlecht, von „Gender“, den unterschiedlichen Rollen und Erwartungen, die von der Gesellschaft an die jeweiligen Geschlechter herangetragen werden und innerhalb derer sich die Einzelperson mit ihrer Identität verortet."
- ↑ Naturalistischer Fehlschluss, Wikipedia. Auch der entgegengesetze moralistische Schluss ist ein Fehlschluss.
- ↑ Siehe u.a. Coyne & Maroja, Goymann et al., Christiane Nüsslein-Volhard oder Manifest pro Realität
- ↑ Argumentum ad verecundiam, Wikipedia